Das Organ des Sinns
Das Gewissen ist laut Frankl das „Organ des Sinns“ - die Fähigkeit, intuitiv zu entdecken, was in einer gegebenen, einmaligen Situation angemessen ist. Allgemeine Werte (Normen, Prinzipien) beziehen sich auf typische Situationen; das Gewissen leitet uns in Situationen, die einzigartig sind.
Das Gewissen kann irren
Das Gewissen ist menschlich und daher fehlbar. Der Mensch hat keine Gewissheit, den Sinn richtig gelesen zu haben - und muss sich dennoch entscheiden. Dies ist zugleich ein Ausdruck von Demut und Freiheit.
Gewissen und Über-Ich
Frankl unterschied das Gewissen vom Freudschen Über-Ich. Das Über-Ich besteht aus den verinnerlichten Befehlen der Eltern und der Gesellschaft; das Gewissen kann sich ihnen entgegenstellen - so wie bei jenen, die in Zeiten totalitärer Regime entgegen den geltenden Normen handelten.
Erziehung des Gewissens
In einer Ära des Traditionsverlusts, in der die zehn Gebote für viele ihre Kraft verlieren, besteht die Aufgabe der Erziehung laut Frankl darin, das Gewissen zu schärfen, damit der Mensch die „zehntausend Gebote“ hören kann, die in den zehntausend Situationen des Lebens verborgen sind.
Die transzendente Dimension
In dem Buch „Der unbewusste Gott“ schrieb Frankl, dass das Gewissen über den Menschen hinausweist - es ist die „Stimme der Transzendenz“.
Quellen
V. E. Frankl, Der unbewusste Gott; Wola sensu (Der Wille zum Sinn).